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Marcel Möring

Der niederländische Schriftsteller Marcel Möring liest aus seinem Roman "Mendel"

Marcel Möring, geb. 1957 in Enschede, erhielt mehrere Literaturpreise und zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen Autoren. In Deutschland wurde er bekannt u. a. durch den Roman „In Babylon“ (1998) und die Novelle "Modellfliegen" (2001). Sein Roman "Mendel" (2003) ist die dramatische Geschichte eines "Juden der zweiten Generation" – ein Kampf ums Überleben unter der Last der Erinnerungen.

"Einer der bedeutendsten europäischen Erzähler seiner Generation." (Die Welt)

Marcel Möring: Mendel. Roman, Luchterhand München 2003; 19,– Euro

Aus den NÜRNBERGER NACHRICHTEN vom 11.3.2003:

Schatten der Vergangenheit
"Ein Fantast bin ich. Und Jude":
Marcel Möring stellt seinen Roman "Mendel" in Nürnberg vor

Am Freitag, 14. März, stellt um 20 Uhr der niederländische Autor Marcel Möring auf Einladung des "LiteraturClubs" seinen Roman "Mendel" im Marmorsaal der Nürnberger Akademie (Gewerbemuseumsplatz 2) vor. An seinem zehnten Geburtstag wird Mendel Adenauer schwer krank, bekommt eine Spritze und träumt: "Er ist verloren gegangen. Er hat seine Mutter, seinen Vater und seine Großeltern verlassen und ist über die große
Picknickwiese mit der Eiche in der Mitte zum kleinen Bach am anderen Ende des Feldes gelaufen. Dort sitzt ein Mädchen am Wasser?" Diese Fieberfantasien des tragischen Helden in Marcel Mörings Roman "Mendel" sind Blicke in die Zukunft. Denn immer mehr verliert der junge Mann aus einem jüdischen Elternhaus den Kontakt zu seiner Familie, seinen
Bekannten, zur Realität.

In einer klaren Sprache entwirft Möring das facettenreiche Psychogramm von Mendel Adenauer, einem Juden der zweiten Generation nach der Shoah. Ruhelos streift dieser durch die Felder rund um eine niederländisch Kleinstadt. Inmitten dieser so trügerischen Idylle musste seine Familie mit Beginn der deutschen Besatzung miterleben wie sich latenter Antisemitismus plötzlich in eine reale Bedrohung verwandelte, die in der Deportation mündete. Das scheinbar intakte Nebeneinander war blutig beendet worden und nach dem Zweiten Weltkrieg war für die Uberlebenden und ihre Kinder alles anders. Mit dieser emotionalen Last versucht jeder auf andere Weise fertig zu werden. Erinnerungen werden verdrängt – von den Juden und von den Nicht-Juden gleichermaßen. Mendels Mutter sucht einen Ausweg aus der provinziellen Enge in Israel. Dort arbeitet sie als Krankenschwester und wird Opfer einer Minenexplosion. Auch der Großvater stirbt. Mendel wendet sich daraufhin Schritt für Schritt von einer aus den Fugen geratenen Welt ab und findet nur phasenweise Linderung in der Liebe zu einer ehemaligen Mitschülerin. Als Adelige zählt auch sie – wenn auch auf ganz andere Art und Weise – zu den Außenseitern. Der seltsame Traum aus Mendels Kindheit vom rätselhaften Mädchen überlappt sich mit der Realität. Doch diese Liebe ist zum Scheitern verurteilt.

Mörings mit über zehn Jahren Verspätung ins Deutsche übertragener Roman ist mehr als eine Auseinandersetzung mit der in den Niederlanden lange tabuisierten Besatzungszeit. Auch die literarische Qualität überzeugt. Möring ("Ein Fantast bin ich, ein Erzähler. Und Jude.") verwendet zwar eine schnörkellose Sprache, entwirft die Handlung aber als Puzzle, dessen Einzelteile sich langsam und kompliziert zusammensetzen. Mit dieser
Kunstfertigkeit gelingt es Möring, den Leser auf höchstem Niveau zu fesseln. Solch ein Erzähl-Talent besitzen nur wenige!

Stefan Mössler

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